12 Juni 2024

Von wegen Game Over!

Gameing Quartierplus

Im Interview verrät Expertin Bettina Wegenast, weshalb Tablets und Spielkonsolen auch im Altersheim etwas zu suchen haben und welche Spiele ältere Menschen in den Bann ziehen. Spielen am Computer, Tablet oder mittels Konsole lässt sich sowohl solo, zu zweit als auch in Gruppen. Ein weiterer Pluspunkt: Eine Altersgrenze gegen oben gibt es nicht.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass das Spielen auf Tablets in Altersheimen einen Versuch wert sein könnte?

Bettina Wegenast: Meine Schwiegermutter war eine begeisterte analoge Spielerin. Ich selbst teile diese Passion, mein Herz schlägt jedoch für die digitale Variante.  Als meine Schwiegermutter schliesslich ins Altersheim umzog, wurde der Kontakt zusehends schwieriger. Es fehlte an Angeboten für Angehörige, an Räumen, um sich zu treffen wie auch an Möglichkeiten, um etwas gemeinsam zu unternehmen. Für mich waren diese Besuche nicht nur langweilig, sondern auch verunsichernd. Dann hatte ich diese Idee, einmal mein Tablet ins Heim mitzubringen und meiner Schwiegermutter einfache Animationen zu zeigen.

Wie hat sie reagiert?

Sie ist richtiggehend aufgeblüht. Es war für sie etwas gänzlich Neues. Wir haben auf dem Tablet gemeinsam viele Sachen entdeckt, an denen sie grossen Gefallen fand. Es war der Auftakt zu einer anderen Art von Begegnung: Diese digital angereicherten Nachmittage bereiteten uns beiden plötzlich sehr viel Freude.

Der zündende Funke für weitere Projekte?

In der Tat. Ich habe in der Folge mit der Fachhochschule Nordwestschweiz zusammengearbeitet, um digitale Spiele für ältere Menschen zu entwickeln. Und ich begann, Spiel-Nachmittage mit Tablets in Altersheimen durchzuführen.

Was spricht fürs digitale Spielen im höheren Alter?

Es geht beim Spielen, um eine Form zu kommunizieren und darum, sich mit etwas Neuem auseinanderzusetzen. Das sind exzellente Stimuli fürs Gehirn. Noch besser ist es, den Körper mit einzubeziehen. In diese Richtung zielt auch eines meiner nächsten Projekte: Ich plane einen digitalen Bowling-Contest. In Gruppen ist dieses Spiel, mit dem auch Seniorinnen und Senioren etwas anzufangen wissen, sehr lustig; es lässt sich sogar im Rollstuhl spielen.

Wird das Gamen bald ein Standardangebot im Altersheim sein?

Das hoffe ich. Wenn ich dereinst in ein Altersheim eintrete, möchte ich dieses Angebot vorfinden. Das Gamen ist eine großartige Ergänzung der klassischen Aktivierungsaktivitäten wie töpfern, filzen, tanzen u.a.

Welche online-Spiele eignen sich für ältere Menschen?

Wichtig ist, dass das Design nicht zu kindlich und die Grafik einigermassen übersichtlich ist. Sonst fühlen sich ältere Menschen nicht abgeholt. Idealerweise lässt sich bei Geschicklichkeitsspielen das Tempo regulieren. Wenn ich Game-Nachmittage in Altersheimen durchführe, arbeite ich eng mit den Fachleuten aus der Aktivierung zusammen. Ich stimme die Spiele auf die Teilnehmenden und ihre Vorlieben ab. Bis jetzt habe ich für jeden Geschmack passende Games gefunden. Quiz-Runden funktionieren fast immer, hier liefert das Tablet schnelle Feedbacks. Die interaktive App «Streichelzoo» wiederum ist als Einstieg ideal, um zu lernen, wie das Tablet funktioniert. Beliebt sind auch Spiele rund ums Essen.

Wie wichtig ist das Kräftemessen?

Viele ältere Menschen finden an kompetitiven Elementen durchaus Gefallen. Sie suchen diese Herausforderungen beim Gamen, andere wiederum wollen von dieser Art von Nervenkitzel nichts wissen und ziehen knifflige Rätselaufgaben vor.

Sie spielen auf den Tablets auch mit Menschen mit Demenz. Wie gut funktioniert das?

Bis zu einer mittelschweren Demenz kriegen wir das sehr gut hin. Wichtig ist es, intensiv zusammen zu kommunizieren. Dann packt es die meisten. Betroffenen tut es gut, zu merken, dass sie sich auf etwas Neues einlassen und sich damit zurechtfinden können. Sie stellen fest, dass sie auf dem Tablet etwas in Gang setzen und eine unmittelbare Reaktion auf ihr Tun erhalten. Das motiviert sie dranzubleiben.

Welche Projekte wollen Sie als nächstes realisieren?

Ich möchte in Zukunft noch enger mit Angehörigen und Freiwilligen arbeiten. Ein Tablet oder eine Spielkonsole kann viel Freude in den Alltag von älteren Menschen bringen. An den Heimen ist es, sich für diese digitalen Tools zu öffnen und ihr Potenzial zu entdecken. Games sind nicht nur etwas für jugendlichen Nerds, sondern für alle Alterskategorien von grossem Interesse. Es eröffnen sich so viele neue Möglichkeiten; vom digitalen Jassen übers Geleise-bauen bis zu Abenteuer-Games ­– es lässt sich wirklich für jeden Geschmack und jede Situation etwas finden.

Welches Vorgehen empfehlen Sie Seniorinnen und Senioren, die noch zuhause wohnen und in dieses grosse Reich der digitalen Spiele eintauchen möchten? 

Am besten ist es, sich von seinen Interessen leiten zu lassen. Um Spiele auf dem iPad zu suchen, gibt man im App-Store Begriffe wie «Zug» und «Game» bzw. «Spiel» ein und lässt sich überraschen. Auch die Suche nach einem vertrauten, analogen Game wie «Mühle» oder «Jassen» führt direkt zur digitalen Variante.

Bettina Wegenast: Gamerin und Querdenkerin

Die Theaterautorin und -produzentin Bettina Wegenast entwickelt unter dem Label Fabelfabrik Konzepte für Computerspiele und führt Spielnachmittage in Institutionen durch. Während ihrer Lehrerausbildung arbeitete sie über mehrere Jahre als Pflegehelferin in einem Altersheim. Die passionierte Gamerin hält Computerspiele für eine der wichtigsten und interessantesten Kulturformen unserer Zeit und zählt «Psychonauts» und «Mario Kart» zu ihren Lieblingsspielen.

http://myosotis-games.ch/

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