27 März 2024

Bildung und Aktivität statt Betreuung und Pflege

René Kuenzli

René Künzli (1941), Ehrenpräsident der terzStiftung, ist ein Mann, der durch sein Wirken in verschiedenen Bereichen nachhaltig und positiv wirkt. Sein Einsatz für seine Familie, sein Engagement in der Altersarbeit, sein Erfolg in der Unternehmensführung und sein Engagement für die Gesellschaft machen ihn zu einer inspirierenden Persönlichkeit und zu einem Vorbild für viele.

Das Alter hat in unseren Kulturkreisen nicht immer einen guten Ruf. Zu Recht?

René Künzli: Die terzStiftung tritt einem defizitären Altersbild entschieden entgegen. Der Leitgedanke einer zukünftigen Alterskultur ist der Vorrang der Bildung für Menschen im dritten Lebensabschnitt. Der Grundsatz „Bildung und Aktivität statt Betreuung und Pflege“ zielt auf die Förderung und Erhaltung von Eigenverantwortung, Selbständigkeit, Selbstbestimmung, Aktivität und Mobilität sowie auf die Entwicklung von Kompetenzen, die für den Einzelnen wie für die Gesellschaft einen hohen Wert darstellen.

Die terzStiftung setzt sich dafür ein, dass die Fähigkeiten älterer Menschen genutzt und gefördert werden und dass es eine moderne Alterskultur in der Schweiz gibt. Was ist Ihnen als Ehrenpräsident dabei persönlich wichtig?

Die Möglichkeiten des Alters sollen durch Bildung erschlossen und in verschiedenen Praxisfeldern umgesetzt werden. Mir ist wichtig, dass der Pflichtbegriff Kants, unsere Fähigkeiten allseits entwickeln zu müssen und dabei die Zwecke der anderen zu befördern, als Orientierung für die Alterskultur der terzStiftung dient. Bildung wird dabei verstanden als die Art und Weise, wie sich jemand einsichtig und angemessen seiner Umwelt und seinen Mitmenschen gegenüber verhält.

Was schätzen Sie an der Lebensphase, in der Sie sich im Moment befinden?

Das Alter wird zunehmend eine Lebensphase, die nicht mit Krankheit oder Rückzug gleichgesetzt werden kann. Aktives Altern bildet auch für mich selbst eine Voraussetzung für gute Gesundheit und hohe Lebensqualität.

Was ist heute in Ihrem Leben einfacher als früher?

Vermutlich betrachte ich heute die Vorgänge etwas mehr aus der Distanz und etwas gelassener als früher. 

Was ist das Geheimnis Ihrer persönlichen Vitalität?

Es ist mir wichtig, noch einen Beitrag für die Gemeinschaft, sowie zu einem sinnhaften Leben durch Tätigkeit im Alter zu leisten. Im Wissen, dass Menschen, die noch Aufgaben haben und gebraucht werden, nachweislich gesünder leben und eine höhere Lebensqualität erfahren. Es ist mir wichtig, Teil eines intergenerativen Teams sein zu dürfen und nach Lösungen für neue Herausforderungen zu suchen. Wichtig ist, dass auch im Alter die kognitiven und körperlichen Fähigkeiten trainiert werden.  

Wie blicken Sie auf das Vergangene zurück?

In aller Bescheidenheit und Dankbarkeit. Ich hatte viel Glück, mit meiner Frau Silvia, die als HR-Verantwortliche eine zentral wichtige Funktion hatte. Es war mir eine Freude, mit Menschen in Kontakt gewesen zu sein, die das, was sie von mir und anderen verlangt, auch selbst vorgelebt haben. Ich habe in meiner Führungsaufgabe oft erlebt, dass Menschen ihre eigenen Fähigkeiten unterschätzt haben. Gelang es, dieses schlummernde Potential durch Anreize, Fordern und Vertrauen zu entwickeln, war das für mich der schönste Erfolg.

Was war für Sie wichtig im Übergang zur nachberuflichen Zeit?

Eine neue Aufgabe zu haben. Das ist zentral wichtig für ein gutes Altern. Für meine Frau und mich war es wichtig, der Gesellschaft etwas von unserem Erfolg zurückzugeben. Dies taten wir als Stifter der sehr erfolgreichen Akademie Berlingen, die echte Pionierleistungen im Rahmen der Bildung für ältere Menschen erbracht hat, und durch die Gründung der terzStiftung vor 16 Jahren.

Haben Sie Wünsche, die Sie sich in der kommenden Lebensphase erfüllen wollen? 

Dass ich körperlich und geistig gesund bleibe. Ich möchte noch weiter für die interessanten und für ältere Menschen nutzbringenden Projekte der terzStiftung tätig sein.

Was heisst für Sie „gut älterwerden “?

Gut altern hängt stark von der körperlichen und geistigen Gesundheit ab. Das ist ein Geschenk, aber nicht nur. Wir können selbst sehr viel dafür tun. Fördern durch Fordern gilt auch im Alter. Wir sehen in unserem Projekt «Blieb fit und mobil», das wir im Auftrag der Gesundheitsförderung Thurgau an 5 Standorten im Kanton mit ca. 125 Teilnehmenden durchführen, dass bereits eine Stunde Gymnastik und Qi Gong pro Woche messbare positive Effekte hat. Aber auch da gilt der Grundsatz: «Es geschieht nichts, ausser man tut es!».

Sind Sie für etwas in ihrem Leben besonders dankbar?

Ja, dass ich in der Altersarbeit mit meiner Frau, meiner Schwester und meinem Schwager mit Führungsteams einen wesentlichen Anteil dazu beitragen konnte, dass die Respektierung der Menschenwürde, die Qualität und Individualität der Dienstleistungen für ältere Menschen in Residenzen und Alters- und Pflegeheimen wesentlich verbessert wurden. Diese Altersinstitutionen haben unverdientermassen immer noch ein schlechtes Image.  

Wo sind in unserem gesellschaftlichen System Anpassungen notwendig, damit Ihre Generation gut im Alter zurechtkommt?

Die heutigen Dienstleistungsangebote im ambulanten wie im stationären Bereich sind sehr gut. Die finanziellen Anreize hingegen verleiten zu einer Überversorgung, was zu einer schnelleren Abhängigkeit führt. Die Alterspolitik braucht positive und angemessene Alters(leit)bilder, negative sind noch die Regel. Alter als Chance sehen.

Wie gelingt es, die verschiedenen Generationen miteinander in Dialog zu bringen und gegenseitiges Verständnis zu fördern?

In der Frage findet man schon einen wesentlichen Schlüssel. Es ist der intergenerative Dialog, das Erkennen der gegenseitigen Wünsche, Bedürfnisse und Ängste. Der zweite Schlüssel für das gegenseitige Verständnis liegt in der intergenerativen Solidarität. Der Generationenwandel stellt die Alterspyramide, die 1948 bei der Einführung der AHV bestand, auf den Kopf. Das bedeutet, dass ein kleinerer Teil unserer Bevölkerung einen stark zunehmenden Teil der Kohorte 65plus «tragen» muss. Wenn es politisch und gesellschaftlich nicht gelingt, dieser Entwicklung entsprechend Rechnung zu tragen, laufen wir Gefahr, den noch bestehenden Generationenfrieden aufs Spiel zu setzen.  

Zur Person

René Künzli (1941) ist ein herausragendes Beispiel für Engagement und Erfolg in verschiedenen Bereichen seines Lebens.
Als stolze Eltern von drei Kindern und Großeltern von sechs Enkelkindern teilen Silvia und René Künzli das Glück einer liebevollen Familie. Sein Einfluss in der Altersarbeit ist bemerkenswert. Künzli hat das elterliche Alters- und Pflegeheim NEUTAL in Berlingen maßgeblich ausgebaut und zu einem wegweisenden Pionierbetrieb entwickelt. Sein Einsatz und seine Innovationskraft haben dazu beigetragen, dass NEUTAL zu einem Vorzeigemodell in der Betreuung älterer Menschen wurde.

Als ehemaliger CEO der TERTIANUM Management AG hat René Künzli eine beeindruckende Unternehmensentwicklung durchlaufen. Angefangen mit der Übernahme von drei Betrieben, führten sein unermüdlicher Einsatz und seine visionäre Führungskraft dazu, dass das Unternehmen nach 18 Jahren mit stolzen 17 Betrieben erfolgreich weitergegeben werden konnte. Sein Engagement und seine strategische Weitsicht haben dazu beigetragen, dass die TERTIANUM Management AG zu einer anerkannten Größe im Bereich der Pflege- und Betreuungseinrichtungen wurde.

René Künzli hat nicht nur im Geschäftsbereich herausragende Leistungen erbracht, sondern auch eine bedeutende politische und gesellschaftliche Rolle gespielt. Über 11 Jahre lang diente er im Kantonsrat, wo er sich für die Belange der Bürgerinnen und Bürger einsetzte. Zusätzlich war er beeindruckende 21 Jahre lang Schulpräsident, wo er sich mit Leidenschaft für eine qualitativ hochwertige Bildung einsetzte.

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