14 März 2024

«Wer positiv übers Alter denkt, lebt länger»

Dr. Christina Röcke

Wie man über ältere Menschen redet, denkt und fühlt, zeigt sich an individuellen und gesellschaftlichen Altersbildern. Diese bilden Alter(n) sprachlich, bildlich oder als Entwicklungsprozess ab. Dr. Christina Röcke forscht am «Healthy Longevity Center» der Uni Zürich zu Wohlbefinden, Aktivitäten und Mobilität – und wie sich Altersbilder gesundheitlich auswirken. Das Interview führte Anouk Hiedl, Redaktion Pfarrblatt Kanton Bern. Foto: Stefan Maurer.

Wie sieht Ihr Altersbild aus?

Christina Röcke: Mein Altersbild ist sehr positiv geprägt. Anhand meiner Arbeit sehe ich immer wieder, dass es «die» alte Person und «das» Alter nicht gibt. Zahlreiche über 80-Jährige sind trotz Einschränkungen noch recht fit und zufrieden. Doch die körperlichen, mentalen und psychischen Fähigkeiten alter Menschen sind vielfältig – genau wie bei Kindern. An den Lebensrändern zeigen sich diese Unterschiede viel mehr als in der Lebensmitte. Ab etwa 65 Jahren spricht man heute vom dritten und ab etwa 85 Jahren vom vierten Lebensalter. Trotz körperlicher, kognitiver und sozialer Verluste gelingt es vielen, mit diesen altersbedingten Veränderungen umzugehen.

Was prägt unsere Altersbilder?

Individuelle Altersbilder entstehen im Kontext der gesellschaftlichen Sicht aufs Altern. Als Kind übernimmt man diese implizit oder explizit vermittelten Al- tersbilder meist unkritisch. Man be- kommt sie im Umgang mit dem Alter und alten Menschen mit, aber auch über Redensarten wie «Heute fühle ich mich alt» oder «Du bist doch noch keine 80».

Inwiefern entwickeln sich Alters¬bilder im Lauf eines Lebens?

Je älter man wird, desto mehr verfeinern sich die eigenen Vorstellungen übers Altern. Je nach Krankheitslast und subjektiver Gesundheit entwickelt man eher positive, gewinnbezogene oder negative, verlustbezogene Altersbilder. Fähigkeiten gehen in jedem Alter verloren – im Kleinkindalter etwa in der Lauterkennung im Kontext des Spracherwerbs. Mit zunehmendem Alter nehmen Verluste zu, weil Fähigkeiten dann oft eher verloren als dazugewonnen werden. Doch menschliche Entwicklung umfasst Verluste, Gewinne und den Erhalt von Fähigkeiten und Kompetenzen. Diese Vielfalt muss man in ein differenziertes Altersbild übertragen. Genauso wenig, wie alle alten Menschen senil werden, werden alle weise.

Wie haben sich unsere gesellschaftlichen Altersbilder verändert?

Traditionelle Darstellungen des Lebens und des Altersverlaufs unterscheiden in der Regel eine Phase des Wachstums und Zugewinns zwischen Geburt und mittlerem Erwachsenenalter und danach eine Phase des unabänderlichen Niedergangs und Verlusts bis hin zum Tod. Dieses sehr defizitorientierte Altersbild ist wissenschaftlich völlig überholt, aber nach wie vor sehr präsent, auch in der Art, wie über das Alter, das Altwerden und ältere Menschen als soziale Gruppe gesprochen und gedacht wird. Mittler- weile lasst sich ein zunehmend differenzierteres Altersbild erkennen, dem ein Wissen um die Vielfalt von Alter inne- wohnt. Tendenziell werden die Vorstellungen ums Alter komplexer – weg von einer reinen Verlustorientierung, hin zu einem altersübergreifend wahrgenommenen Gestaltungsspielraum auch im höheren Erwachsenenalter. Viele Gedächtnisbereiche, Schnelligkeit und Aspekte von Mobilität nehmen typischerweise ab, dafür nehmen Erfahrung, Gelassenheit und verbale sowie emotionale Fähigkeiten mitunter zu. Um solche Ressourcen und einen guten Umgang mit Funktionsverlusten zu fördern, spielen unter anderem die Wohnsituation, das soziale Umfeld und das gesamte gesellschaftliche Klima eine wichtige Rolle.

Was fördert positive Altersbilder?

Betagte Menschen, die sich subjektiv gesund fühlen, eine niedrige objektive Krankheitslast haben und im Alltag klar- kommen, haben ein eher wachstums- statt verlustorientiertes Altersbild. Auch Kultur- und Bildungsaktivitäten fördern ein positives Altersbild sehr.

Unterscheiden sich die Altersbilder verschiedener Generationen?

Die Altersselbstbilder älterer Erwachsener sind tendenziell etwas stärker verlustorientiert und damit negativer konnotiert als die Altersbilder von 40- bis 60-Jährigen. Letztere weisen eine stärker ausgeprägte Gewinnorientierung auf, eine positiv gerichtete Haltung, dass man sich auch im Alter noch weiterentwickeln kann. Allerdings gibt es neuere Daten, die bei Altersbildern die nötige Differenzierung nach verschiedenen Merkmalen und Funktionsbereichen verdeutlichen: Ältere Erwachsene scheinen dem Alter stärkere Gelassenheit, finanzielle Sicherheit und Entwicklungspotenzial im geistigen und körperlichen Bereich zuzuschreiben, als es jüngere tun. Dafür sehen Ältere für das höhere Alter auch eher negative Veränderungen hinsichtlich Gesundheit und Flexibilität. Aufgrund dieser Ansichten hoffe ich, dass es der Wissenschaft immer besser gelingt, Wissen zu einem differenzierten Altersbild zu vermitteln, und dass sich dieses dann immer stärker auch in den gesellschaftlichen und individuellen Altersbildern widerspiegelt.

Beeinflussen Altersbilder die Gesundheit? 

Ja, und zwar auf sehr vielfältige Art. Nur schon indem man negative Assoziationen zum Altern weckt, kann man auch bei jungen Erwachsenen die Gehgeschwindigkeit und Gedächtnisleistung negativ beeinflussen. Auch stärkere körperliche Stressreaktionen hängen mit negativen Altersbildern zusammen, etwa ein erhöhtes Risiko für Herzkreislauferkrankungen oder Demenz.
Zentral aber ist, dass man mit einem positiven Altersbild im Durchschnitt rund 7,5 Jahre länger lebt als mit einem negativen. Positive Altersbilder können die Gesundheit somit beachtlich fördern. 

Das Interview führte Anouk Hiedl, Redaktion Pfarrblatt Kanton Bern. Foto: Stefan Maurer. Die Erstpublikation ist erschienen im Pfarrblatt, der Zeitschrift der römisch-katholischen Pfarreien des Kantons Berns vom 9.3-22.3.2024, Ausgabe 6/24, S.8-9.
Diese Zweitverwendung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Pfarrblattes, der Autorin, des Fotografen.

 

Zur Person

Dr. Christina Röcke ist eine renommierte Forscherin, die als stellvertretende Direktorin und Forschungsgruppenleiterin am UFSP Dynamik Gesunden Alterns sowie als Ko-Direktorin am Healthy Longevity Center an der Universität Zürich tätig ist. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen emotionale Gesundheit und Wohlbefinden im mittleren und hohen Erwachsenenalter sowie Alltagsaktivitäten als Merkmale funktionaler Gesundheit und persönlicher Ziele. Die Vision des UFSP Dynamik Gesunden Alterns und des Healthy Longevity Centers ist es, neue Standards für die gesunde Alternsforschung zu etablieren und in gesellschaftlich und individuell relevante Innovationen zu transformieren..

Zur Person Christina Röcke, Dr., Ko-Direktorin

Zum UZH Healthy Longevity Center 

Zum Institut UFSP Dynamik Gesunden Alterns

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